Die Ahrend-Orgel in der Evangelischen Kirche St. Johann zu Bremen-Oberneuland

Klingende Pionierleistung

Holz, Metall, Leder und Pergament - das Zusammenspiel dieser Materialien sorgt seit Jahrhunderten dafür, die Herzen der Gottesdienstbesucher und -besucherinnen höher schlagen zu lassen und ihren Gesang zu begleiten.

Dies gilt im Besonderen für die Orgelfreunde und –freundinnen, die seit der Einweihung der Ahrend-Orgel in der Kirche zu Oberneuland von nah und fern anreisen, um sich von den Klängen dieser „Königin der Instrumente“ verzaubern zu lassen.

Mit Stolz dürfen wir sagen, dass in unserer Kirche eines der schönsten Instrumente in  Bremen und ‚umzu‘ erklingt! Es handelt sich zwar nicht um eine historische Orgel, wie man sie z.B. in den reich ausgestatteten Kirchen der Wesermarschen findet, doch hat sich der Orgelbauer von der Pracht dieser Instrumente Wesentliches „abgehört“: Die Musik der Barockzeit (des 17. und 18. Jahrhundert) lässt sich am Besten darstellen. Die klanglichen Qualitäten ermöglichen allerdings einiges Repertoire darüberhinaus...

 

Orgelbau 1966

Am 2. Advent des Jahres 1966 konnte die von Jürgen Ahrend und Gerhard Brunzema erbaute Orgel mit einem Festgottesdienst und abendlichen Orgelkonzert eingeweiht werden. Doch bis es dazu kam, musste noch viel Wasser die Weser und Wümme hinunterfließen. Die Vorgänger-Orgel war ein im Zusammenhang mit dem Kirchenbau von 1860 bei dem Bremer Orgelbauer Focke bestelltes Instrument, das sich mit seinem Prospekt nahtlos in das neugotische Interieur der von dem Architekten Heinrich Müller erbauten Kirche einfügte. Im Jahre 1938 wurde es von der Firma Steinmeyer / Öttingen mit einem Rückpositiv mit elektro-pneumatischer Traktur erweitert.

Diese Orgel, die uns auf einem alten Photo und über Tonaufnahmen von Volker Gwinner (Kirchenmusiker von 1945 -1957) dokumentiert ist, ließ sich in der Nachkriegszeit nicht mehr reparieren. Die Instandsetzung wäre dem finanziellen Aufwand eines Neubaues gleichgekommen. Der Holzwurm hatte sein Werk gründlich getan: Nicht nur die Holzpfeifen waren befallen, sondern auch Teile der Windlade (dem „Herz“ der Orgel, das dafür zuständig ist, die richtigen Pfeifen im richtigen Moment mit „Wind“ zu versehen).

Mit Jan Goens, der als Nachfolger von Volker Gwinner 1957 seinen Dienst antrat, war ein Organist in die Gemeinde gekommen, dem es ein Anliegen war, die so genannte „Alte Musik“ im Sinne ihrer Schöpfer wiederzugeben. Sein Vorschlag: Die Orgelbauwerkstatt Ahrend & Brunzema in Leer (Ostfriesland), die sich u .a. auch mit der Restaurierung diverser historischer Orgeln in Deutschland und Holland einen Namen gemacht hatte, mit dem Neubau einer zunächst zweimanualigen Orgel mit 21 Registern (Klangfarben-Reihen) zu betrauen.

Am 4. Dezember 1966 wurde das frisch renovierte Gotteshaus mit der neuen Orgel wieder seiner Bestimmung übergeben. In einem Festgottesdienst, den auch die Kantorei und der Bläserchor mitgestaltete, und in einem Orgelkonzert am selben Abend erklang das neue Orgelwerk zu ersten Mal. Das Instrument zeichnete sich schon in der damaligen Ausführung durch eine große Vielfalt eigenständiger Klangfarben und auch durch den besonders harmonischen Zusammenklang der Stimmen aus – trotz der relativ kleinen Anzahl der Stimmen.

Seitdem finden in der Oberneulander Kirche regelmäßig Orgelkonzerte mit InterpretInnen aus Europa und Übersee statt; die Klangschönheit des Werkes ist in verschiedenen Radio-, Schallplatten- und CD-Aufnahmen eingefangen.

Stimmungsvolles

Im Jahre 1972 ging man noch einen Schritt weiter: Die Orgel erhielt eine neue Grundstimmung, angelehnt an einer der sogenannten Temperierungen, wie sie eine Zeitgenosse von Johann Sebastian Bach entwickelt hatte. Damit ist eine Tonarten-Charakteristik gegeben, ohne welche der Musik J.S. Bachs und der Komponisten seines Umfeldes ein wichtiger Aspekt gänzlich fehlen würde. Auch die Begleitung des Gemeindegesanges profitiert von dieser Umstimmung. Es war übrigens das erste Mal, dass man einer neuen Orgel nachträglich eine neue „alte“ Stimmung gab …

Zusammen mit Prof. Harald Vogel, Lehrender u.a. an der Hochschule für Künste Bremen (der übrigens seinen ersten Orgelunterricht an der alten Focke-Orgel in Oberneuland erhielt) und in Zusammenhang mit der Gesellschaft „Norddeutsche Musikpflege“ wurden 1974 die „Oberneulander Orgeltage“ ins Leben gerufen, bei denen jährlich OrganistInnen aus ganz Europa, den USA und Japan mitwirkten.

So blieb nur noch ein Wunsch offen: Die Orgel mit den von Anfang an geplanten dritten Manual zu vervollständigen. Der Raum für die Pfeifen und die nötigen technischen Einrichtungen für ein „Brustwerk“ direkt über dem Spieltisch war schon 1966 vorgesehen worden. Dank der großzügigen Unterstützung durch viele kleine und große Spender konnte im Jahr 1990 der Auftrag an die Werkstatt von Jürgen Ahrend vergeben werden, die Orgel gründlich zu überholen und mit dem Einbau von sieben Registern zu ergänzen.

Fertigstellung 1996

Die Fertigstellung des nun noch wertvolleren Instrumentes im September 1996 wurde mit einem Orgelfestival gefeiert, anlässlich dessen sogar die Bremer Stadtmusikanten endlich einmal den Weg nach Bremen fanden …

Sie, liebe Besucher und Besucherinnen unserer so idyllisch gelegenen Kirche mit der hervorragenden Akustik, sind herzlich dazu eingeladen, die Klang-schönheit des international geschätzten Instrumentes nicht nur im sonn- täglichen Gottesdienst zu genießen. Auf Wiedersehen anlässlich eines der Konzerte ?

 Auf Ihren Besuch freut sich Katja Zerbst

Kirchenmusikerin in Oberneuland seit 1994